SAUDADE ZWEIG – LIEDTEXTE
 

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4. Es wandelt was wir schauen – Alban Berg
5. An die Musik – Franz Schubert
6. Die stille Stadt – Alma Mahler
7. Liebesbriefchen – Erich Korngold
8. An den kleinen Radioapparat – Hanns Eisler
9. Acalanto da Rosa – Claudio Santoro
10. Welch ein Schweigen – Hans Gál
12. Les Ingénus  – Claude Debussy
14. Bänkel vom Klatsch – Wilhelm Grosz
15. Xangô - Heitor Villa-Lobos
16. Entbietung – Alexander Zemlinsky
17./18. Schließe mir die Augen beide – Alban Berg
19. Frag nicht! – Hans Gál
20. O’ Kinimbá– Ernani Braga
21. Essa Negra Fulô – Lorenzo Fernández 
23. Am Strande – Arnold Schönberg
24. Auch kleine Dinge – Hugo Wolf
25. Gefasster Abschied – Erich Korngold
26. Vergängliches – Hans Gál
27. Es ist Zeit zum Händereichen – Hermann Leopoldi
28. I wish you bliss  – Erich Korngold
29. Mignon – Hugo Wolf
31. Warum bist du aufgewacht – Arnold Schönberg
32. Vöglein Schwermut Hans Gál
33.  Azulão – Jaime Ovalle

 

4. Es wandelt was wir schauen – Alban Berg

Joseph Eichendorff

 

Es wandelt, was wir schauen,

Tag sinkt ins Abendrot,

Die Lust hat eignes Grauen,

Und alles hat den Tod.

 

Ins Leben schleicht das Leiden

Sich heimlich wie ein Dieb,

Wir alle müssen scheiden

Von allem, was uns lieb.

 

5. An die Musik – Franz Schubert

Franz Schober

 

Du holde Kunst, in wie viel grauen Stunden,

Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,

Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,

Hast mich in eine bessre Welt entrückt.

 

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen,

Ein süßer, heiliger Akkord von dir,

Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen,

Du holde Kunst, ich danke dir dafür.

6. Die stille Stadt – Alma Mahler

Richard Dehmel

 

Liegt eine Stadt im Tale,

ein blasser Tag vergeht;

es wird nicht lange dauern mehr,

bis weder Mond noch Sterne

nur Nacht am Himmel steht.

 

Von allen Bergen drücken

Nebel auf die Stadt;

es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,

kein Laut aus ihrem Rauch heraus,

kaum Türme noch und Brücken.

 

Doch als den Wandrer graute,

da ging ein Lichtlein auf im Grund;

und durch den Rauch und Nebel

begann ein leiser Lobgesang

aus Kindermund.

7. Liebesbriefchen – Erich Korngold

Elisabeth Honold

 

Fern von dir denk' ich dein, Kindelein,

Einsam bin ich, doch mir blieb treue Lieb'.

Was ich denk', bist nur, nur du, Herzensruh.

Sehe stets hold und licht dein Gesicht.

Und in mir immer zu tönest du.

Bist's allein, die die Welt mir erhellt.

Ich bin dein, Liebchen fein, denke mein, denk' mein!

8. An den kleinen Radioapparat – Hanns Eisler

Berthold Brecht

 

Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug

Dass seine Lampen mir auch nicht zerbrächen

Besorgt von Haus zum Schiff, vom Schiff zum Zug

Dass meine Feinde weiter zu mir sprächen

 

An meinem Lager und zu meiner Pein

Der letzten nachts, der ersten in der Früh

Von ihren Siegen und von meiner Müh:

Versprich mir, nicht auf einmal stumm zu sein!

9. Acalanto da Rosa – Claudio Santoro

Vinicius de Moraes

 

Dorme a estrela no céu

Dorme a rosa em seu jardim

Dorme a lua no mar

Dorme o amor dentro de mim 

 

É preciso pisar leve

Ai, é preciso não falar

 

Meu amor se adormece

Quão suave é o seu perfume

Dorme em paz rosa pura

O teu sono não tem fim

 

 

Es schläft der Stern im Himmel

Es schläft die Rose in ihrem Garten

Es schläft der Mond im Meer

Es schläft die Liebe in mir

 

Es ist wichtig leicht zu schreiten

Es ist wichtig nichts zu sagen

 

Mein Geliebter, wenn du schläfst

Wie sanft ist dein Parfum

Es schläft in Frieden die reine Rose

Ihr Schlaf hat kein Ende

 

10. Welch ein Schweigen – Hans Gál

Christian Morgenstern

 

Welch ein Schweigen, welch ein Frieden

in dem stillen Alpentale.

Laute Welt ruht abgeschieden.

Silbern schwankt des Mondes Schale.

 

Von den Wiesen strömt ein Düften.

Aus den Wäldern lugt das Dunkel.

Brausend aus geheimen Klüften

bricht der Bäche fahl Gefunkel.

 

Überm Saum der letzten Bäume

weiße Wände steh'n und steigen

in die blauen Sternenräume.

Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!

12. Les Ingénus  – Claude Debussy

Paul Verlaine

 

Les hauts talons luttaient avec les longues jupes,

En sorte que, selon le terrain et le vent,

Parfois luisaient des bas de jambe, trop souvent

Interceptés ! — et nous aimions ce jeu de dupes.

 

Parfois aussi le dard d'un insecte jaloux

Inquiétait le col des belles sous les branches,

Et c'étaient des éclairs soudains des nuques blanches,

Et ce régal comblait nos jeunes yeux de fous.

 

Le soir tombait, un soir équivoque d'automne :

Les belles, se pendant rêveuses à nos bras,

Dirent alors des mots si spécieux, tout bas,

Que notre âme, depuis ce temps, tremble et s'étonne.

 

Die hohen Pumps mit langen Röcken rangen,

so dass, je nach Terrain und Brise unverhofft

zuweilen blitzten Fesseln auf - die allzu oft

jedoch bedeckt! - Wie liebten wir dies neckisch’ Unterfangen!

 

Wenn eifersücht’ge Mücken stechen, saugen

am Hals der Schönen unter Zweigen,

aufblitzend sich dann weiße Nacken zeigen -

sie lockten unsre jungen, liebestollen Augen.

 

Der Abend sank, ein zwielichtiges Raunen:

Die Schönen schmiegten sich an uns, wie traumverloren,

sie flüsterten besondre Worte, auserkoren,

dass unsre Seelen seither zittern, staunen.

14. Bänkel vom Klatsch – Wilhelm Grosz

Carola Sokol

 

Mary sagt, die Daisy weiß, dass Grace es selbst geseh’n,

wie die Lissy mit dem Bobby gestern Nacht um zehn...

Fragt man Bobby, warst du mit der Lissy gestern Nacht,

schweigt der Brave still und nur sein linkes Auge lacht.

 

Ladies and Gentlemen, Ladies and Gentlemen,

hört und versteht: Frauen klatschen, Männer sind – diskret.

 

(Baby meint, Beate glaubt, was Tanja ihr erzählt:

Lil wär’ längst mit Bert, bevor mit Hanno sie vermählt...

Fragt man Bert, ob er mit Lil tatsächlich etwas hat,

spricht er nicht und blickt...nur sinnend auf sein Himmelbett.

Ladies and Gentlemen...)

 

Elli schwört, die Carry lügt, dass Lola nicht gesagt,

dass die Ruth bei Peter sonntags splitterfasernackt...

fragt man Peter, ob Ruths Körper edle Formen hab’...

schaut er auf ein Rubensbild und schweigt dann wie ein Grab.

 

Ladies and Gentlemen, Ladies and Gentlemen,

hört und versteht: Frauen klatschen, Männer sind – diskret.

 

(Zu Ende der Song.

Achtung: Gong!

Klatschen Sie...!)

15. Xangô - Heitor Villa-Lobos

Canto de Macumba

 

Xangô! 

Ôlê gondilê ôlálá...

Gon gon gon gondilá!

 

Xangô!

Ôlé gondilé ôlêlê

Gon gon gon gondilê!

16. Entbietung – Alexander Zemlinsky

Richard Dehmel

 

Schmück dir das Haar mit wildem Mohn,

die Nacht ist da,

all ihre Sterne glühen schon.

All ihre Sterne glüh'n heut dir!

Du weißt es ja:

all ihre Sterne glüh'n in mir!

 

Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild

und knistert unter meiner Glut;

und wenn sie schwillt,

jagt sie mit Macht

die roten Blüten und dein Blut

hoch in die höchste Mitternacht.

 

In deinen Augen glimmt ein Licht,

so grau in grün,

wie dort die Nacht den Stern umflicht,

Wann kommst du?! - Mein Fackeln lohn!

Lass glüh'n, lass glüh'n!

Schmück mir dein Haar mit wildem Mohn!

 

17./18. Schließe mir die Augen beide – Alban Berg

Theodor Storm

 

Schließe mir die Augen beide

mit den lieben Händen zu;

geht doch alles, was ich leide,

unter deiner Hand zur Ruh.

 

Und wie leise sich der Schmerz

Well' um Welle schlafen leget,

wie der letzte Schlag sich reget,

füllest du mein ganzes Herz.

 

 

 

19. Frag nicht! – Hans Gál

Hermann Hesse

 

Ich weiß, was du mir sagen

Möchtest in dieser Stund' -

Sag's nicht! Sieh dort den dämmernden Grund

Des Weihers und wie sich jagen

Die Spiegelwolken in schwarzer Pracht -

Sag's nicht! Heut ist eine schlimme Nacht.

 

Ich weiß, in dieser Stunde

Stürmt dir die tiefste Brust

Von allem, was du mich fragen musst.

Frag' nicht! An deinem Munde

Säumt noch das Wort, das Elend macht -

Sag's nicht! Heut ist eine schlimme Nacht.

 

Du sollst mir's morgen sagen -

Wir wissen nicht, vielleicht

Ist morgen alles wunderleicht,

Was heut kein Herz kann tragen

Und was mich jetzt so elend macht -

Frag' nicht! Heut ist eine schlimme Nacht.

 

 

 

20. O’ Kinimbá– Ernani Braga

Canto de Macumba

O' Kinimbá!
Da da ôkê Kinimbá!

Salô ajô nuaiê...

Der Gott Xangô ist auf der Erde Kinimbá, aber vermisst den Himmel Nuaiê.

 

 

 

21. Essa Negra Fulô – Lorenzo Fernández 

Jon Mateus de Lima

 

Ah! Essa negra Fulo!

Cadê meu frasco de cheiro

que teu Sinhô me mandou?

Ah! Foi você que roubou!

 

O Sinhô foi ver a negra

levar couro do feitor.

A negra tirou a roupa

o Sinhô disse: Fulô!

(A vista se escureceu que nem a negra Fulô!)

 

Cadê meu lenço de renda

Cadê meu cinto, meu broche,

Cadê meu terço de ouro

que teu Sinhô me mandou?

Ah! Foi você que roubou!

 

O Sinhô foi açoitar

Sozinho a negra Fulô:

A negra tirou a saia e tirou o cabeção

de dentro dele pulou

nuinha a negra Fulô.

 

Cadê, cadê teu Sinhô?

Que Nosso Senhor me mandou?

Ah! Foi você que roubou!

 

Ah! Diese Schwarze Fulô!

„Wo ist mein Fläschchen Parfüm,

dass dein Herr mir geschenkt hat?

Ah! Du warst es, die es gestohlen hat!“

 

Der Herr ist zur Schwarzen Fulô gegangen,

um sie mit dem Leder des Vorarbeiters zu bestrafen.

Die Schwarze hat ihre Kleider ausgezogen

Und der Herr sagte: „Fulô!“

 

Sein Blick hat sich verdunkelt, schwarz wie die Schwarze Fulô

 

„Wo ist meine Tuch mit Spitzen,

wo ist mein Gürtel, meine Brosche,

wo ist mein goldener Rosenkranz,

den dein Herr mir geschenkt hat?

Ah! Du warst es, die es gestohlen hat!“

 

Der Herr hat einzig die Schwarze Fulô ausgepeitscht

Die Schwarze hat ihren Rock und ihren Umlegekragen ausgezogen

In ihm pochte es

Nackt die Negra Fulô.

 

„Wo ist er? Wo ist dein Herr?

Das unser Herr mir geschenkt hat?

Ah! Du warst es, der ihn gestohlen hat!“

 

23. Am Strande – Arnold Schönberg

Rainer Maria Rilke

 

Vorüber die Flut.

Noch braust es fern.

Wild Wasser und oben

Stern an Stern.

 

Wer sah es wohl,

O selig Land,

Wie dich die Welle

Überwand.

 

Noch braust es fern.

Der Nachtwind bringt

Erinnerung und eine Welle

Verlief im Sand.

 

 

24. Auch kleine Dinge – Hugo Wolf

Paul Heyse

 

Auch kleine Dinge können uns entzücken,

Auch kleine Dinge können theuer sein.

Bedenkt, wie gern wir uns mit Perlen schmücken;

Sie werden schwer bezahlt und sind nur klein.

Bedenkt, wie klein ist die Olivenfrucht,

Und wird um ihre Güte doch gesucht.

Denkt an die Rose nur, wie klein sie ist,

Und duftet doch so lieblich, wie ihr wisst.

 

25. Gefasster Abschied – Erich Korngold

Ernst Lothar

Weine nicht, dass ich jetzt gehe,

heiter lass' dich von mir küssen.

Blüht das Glück nicht aus der Nähe,

fernher wirds dich keuscher grüßen.

Nimm die Blumen, die ich pflückte,

Monatsrosen rot und Nelken -
lass die Trauer, die dich drückte,

Herzens Blume kann nicht welken.

Lächle nicht mit bitter'm Lächeln,

stoße mich nicht stumm zur Seite.

Linde Luft wird bald dich fächeln,

bald ist Liebe dein Geleite!

Gib die Hand mir ohne Zittern,

letztem Kuss gib alle Wonne.
Bang' vor Sturm nicht: aus Gewittern

strahlender geht auf die Sonne...

Schau zuletzt die schöne Linde,

drunter uns kein Aug' erspähte.

Glaub', dass ich dich wiederfinde,

ernten wird, wer Liebe säte!

Weine nicht!...

 

26. Vergängliches – Hans Gál

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

 

Wo sind die Stunden

Der süßen Zeit,

Da ich zuerst empfunden,

Wie deine Lieblichkeit

Mich dir verbunden?

Sie sind verrauscht. Es bleibet doch dabei,

Dass alle Lust vergänglich sei.

 

Ich schwamm in Freude,

Der Liebe Hand

Spann mir ein Kleid von Seide;

Das Blatt hat sich gewandt,

Ich geh im Leide,

Ich wein, dass Lieb und Sonnenschein

Stets voller Angst und Wolken sein.

 

27. Es ist Zeit zum Händereichen – Hermann Leopoldi

Peter Herz

 

Es ist Zeit zum Händereichen,

es ist allerhöchste Zeit!

Es ist Zeit schon gut zu werden,

denn sonst tät es allen leid!

Lasst der Herzen Stimme tönen,

kommt wir wollen uns versöhnen!

Lasst doch nicht die letzte Frist verstreichen!

Händerreichen, Händerreichen.

Es ist Zeit zum Händerreichen,

es ist allerhöchste Zeit!

 

Was wird noch aus Europa

Was wird noch aus der Welt

Die Völker lauschen angstvoll

Ob nicht ein Schuss wo fällt

Die ganze Atmosphäre ist trüb, gewitterschwer.

Man weiß kommt erst das Wetter

gibt’s keine Rettung mehr

Der Einzelne ist machtlos und denkt sich bloß: Gott helf‘,

indessen geht der Zeiger der Weltenuhr auf Zwölf.

 

Lasst der Herzen Stimme tönen

Kommt wir wollen uns versöhnen

Lasst doch nicht die letzte Frist verstreichen

Händereichen, Händerreichen.

Es ist Zeit zum Händerreichen,

es ist allerhöchste Zeit!

28. I wish you bliss  – Erich Korngold

Englische Übersetzung: Ben Letzler / Richard Dehmel

 

I wish you bliss.

I bring you the sun with my gaze.

I feel your heart in my breast;

I wish you more than vain delight.

I feel and wish: the sun shines,

even when your gaze seems to break.

I wish you gazes so free of longing,

as though you bore the world in your bosom.

I wish you gazes so full of desire,

as though the earth were to be born anew.

I wish you gazes full of that strength

that makes spring out of winter.

And may there each day glow throughout your house

a bouquet of everything dear!

 

Ich wünsche dir Glück.

Ich bring dir die Sonne in meinem Blick.

Ich fühle dein Herz in meiner Brust;

es wünscht dir mehr als eitel Lust.

Es fühlt und wünscht: die Sonne scheint,

auch wenn dein Blick zu brechen meint.

Es wünscht dir Blicke so sehnsuchtslos,

als trügest du die Welt im Schoß.

Es wünscht dir Blicke so voll Begehren,

als sei die Erde neu zu gebären.

Es wünscht dir Blicke voll der Kraft,

die aus Winter sich Frühling schafft.

Und täglich leuchte durch dein Haus

aller Liebe Blumenstrauß!

 

29. Mignon – Hugo Wolf

Johann Wolfgang von Goethe

 

Kennst du das Land? wo die Citronen blüh'n,

Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glüh'n,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, 

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,

Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, zieh'n.

 

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,

Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder steh'n und sehn mich an:

Was hat man Dir, du armes Kind, gethan?

Kennst du es wohl? 

Dahin! Dahin

Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, zieh'n.

 

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?

Das Maulthier sucht im Nebel seinen Weg;

In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;

Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.

Kennst du ihn wohl?

Dahin! Dahin

Geht unser Weg! o Vater, lass uns zieh'n!

31. Warum bist du aufgewacht – Arnold Schönberg

Ludwig Pfau

 

Warum bist du aufgewacht

Erst im Sternenscheine,

Arme Blume! deine Pracht 

Blüht nun ganz alleine --

In der Nacht.

 

Deine Blätter nicken sacht; 

Kühle Lüfte wehen; 

Sonne, die so golden lacht, 

Wirst du nimmer sehen -- 

In der Nacht.

 

All die Freuden, reich entfacht,

Darfst du nicht erwerben; 

Wo kein Auge dein hat Acht, 

Musst verlassen sterben --

In der Nacht. 

 

Auch in meines Herzens Schacht

Thut solch Blümlein stehen,

Dessen noch kein Aug' gedacht,

Wird wie du vergehen --

In der Nacht.

 

 

 

32. Vöglein Schwermut – Hans Gál

Christian Morgenstern

 

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,

das singt so todestraurig...

Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,

wer es hört, der tut sich ein Leides an,

der mag keine Sonne mehr schauen.

 

Allmitternacht ruht es sich aus

auf dem Finger des Tods.

Der streichelt's leis und spricht ihm zu:

"Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein"

Und wieder fliegt's flötend über die Welt.

 

33.  Azulão – Jaime Ovalle

Manuel Bandeira

 

Vai, azulão,

azulão, companheiro, vai! 

vai ver minha ingrata. 

Diz que sem ela 

o sertão não é mai sertão!

 

Ai! 

Vôa, azulão, 

vai contar, 

companheiro, vai!

Geh, Azulão

Azulão, Gefährte, geh!

Geh und sieh mich, den in Ungnade Gefallenen.

 

Sag, dass ohne sie

Die Heimat nicht mehr die Heimat ist.

 

Ach! 

Flieg, Azulão, 

Geh und erzähl es weiter,

Gefährte, geh!